Alltagsszenario: Du gehst spazieren und dein Hund zieht an der Leine. Wie meistens.
Dabei schnüffelt er mal ununterbrochen am Boden, wo bei er dir fast den Arm ausreißt.
Dann wieder bleibt er plötzlich abrupt stehen und markiert alles, was nicht in Deckung geht, oder er verliert sich beim Schnüffeln an jedem Grashalm.
Dabei quert er mal vor dir mal hinter dir und läuft dir ständig zwischen die Füße.
Ungemütlich und nervig. Kein chilliger Spaziergang.
Du schimpfst.
Hältst mit Kraft dagegen.
Verlierst die Nerven und ruckst in die Leine.
Dann taucht ein Hund auf und es eskaliert vollkommen.
Bellen, Springen und noch mehr Gezerre.
Das Schimpfen und Ermahnen von vorhin verpufft.
Und du fragst dich: WARUM?
Warum muss der immer so furchtbar an der Leine ziehen?
Und was hat er eigentlich gegen andere Hunde?
Die haben ihm doch nichts getan.
Die anderen können das doch auch?!
Du korrigierst.
Du hast es mit Leckerchen versucht.
Du machst die Richtungswechsel, wie du sie in der Hundeschule gelernt hast.
Und manchmal funktioniert das sogar.
Manchmal.
Aber meist ist es wie heute.
Stress und Frust.
Warum funktionieren die ganzen Sachen die du übst nicht?
Weil du in nur das Symptom im Blick hast, aber nicht die Ursache!
Die Ursache für das Leineziehen liegt nämlich ganz woanders.
Dein Hund zieht, weil ihn etwas antreibt.
Etwas, das tief in ihm verankert ist.
Instinkte und damit einhergehende Verhaltensmuster.
Und das haben nämlich viele nicht auf dem Schirm, wenn sie einträchtig mit Bruno auf dem Sofa liegen.
Der Hund ist ein Raubtier. Um sein Überleben zu sichern, ist er mit vier grundlegenden Instinkten beziehungsweise Bedürfnissen und Verhaltensmustern ausgestattet:
- Sexualinstinkt
- Sozialinstinkt
- Jagdinstinkt
- Territorialinstinkt
Diese Instinkte und die damit einhergehenden Verhaltensweisen prägen das Zusammenleben mit unserem Hund jeden Tag.
Instinkte kann man nicht wegtrainieren.
Auch der gut versorgte Familienhund hat sie noch immer.
Er möchte sie ausleben.
Sie treiben ihn an.
Werden diese Bedürfnisse dauerhaft unterdrückt oder nicht sinnvoll berücksichtigt, entstehen häufig Frust, Stress, Konflikte und Verhaltensprobleme.
Und genau das kann sich auch an der Leine zeigen.
Schauen wir uns die vier Instinkte deshalb einmal genauer an.
Der Sexualinstinkt

Vielleicht kennst du das.
Du gehst mit deinem Rüden spazieren und plötzlich scheint er in einer anderen Welt zu leben.
Die Nase klebt am Boden.
Jeder Grashalm wird untersucht.
Jeder Laternenpfahl markiert.
Ansprechbar?
Fehlanzeige.
Du redest mit ihm.
Nichts.
Du lockst.
Nichts.
Du ziehst weiter.
Er bleibt stehen.
Dann begegnet euch ein anderer Rüde.
Plötzlich wird aus deinem verträumten Schnüffler ein kleiner Vollassi.
Die Rute geht hoch.
Der Brustkorb wird breit.
Man läuft aufeinander zu wie zwei pubertierende Jugendliche auf der Kirmes am Autoscooter.
Oder es erscheint eine Hündin.
Und auf einmal gibt es für deinen Hund nur noch sie.
Du bist abgeschrieben.
Spätestens jetzt fragst du dich:
Was ist eigentlich mit meinem Hund los?
Die Antwort ist einfach:
Nichts Schlimmes.
Zumindest nichts Krankhaftes.
Du beobachtest den Sexualinstinkt bei der Arbeit.
Er dient der Fortpflanzung und damit dem Erhalt der Art.
Wie stark er in Erscheinung tritt, hängt unter anderem vom Alter, den Erfahrungen, dem sozialen Status, dem Stresslevel und den Umweltbedingungen des Hundes ab.
Damit der Artikel nicht ausufert, bleibe ich beim Rüden.
Nicht weil die Hündin keinen Sexualinstinkt hätte.
Auch bei ihr beeinflusst er das Zusammenleben.
Beim Rüden sind die Auswirkungen für viele Hundehalter allerdings deutlicher sichtbar und oft auch unangenehmer.
Typische Verhaltensweisen, die durch den Sexualinstinkt ausgelöst werden können, sind:
- intensives Schnüffeln und Markieren
- gesteigertes Interesse am anderen Geschlecht
- Belästigen von Hündinnen
- gesteigertes Konkurrenzverhalten oder Aggression gegenüber dem gleichen Geschlecht
- mangelnde Konzentration
- Weglaufen
- gesteigerte Territorialität
All das ist zunächst einmal normales Hundeverhalten.
Normal bedeutet allerdings nicht automatisch unkompliziert.
Denn gerade in unserer heutigen Lebenswelt geraten viele Hunde durch ihren Sexualinstinkt in einen dauerhaften Konflikt.
Um diesen Konflikt zu verstehen, müssen wir uns kurz anschauen, für welche Lebensbedingungen dieser Instinkt ursprünglich einmal gedacht war.
Gedacht war das nämlich einmal ganz anders.
Als Canide – und der Hund ist ein Canide – lebt man in einer monogamen Beziehung gemeinsam mit seinem Partner und den Nachkommen in einem eigenen Territorium.
Dort wird gejagt.
Dort wird geschlafen.
Dort werden die Welpen großgezogen.
Dieses Territorium bietet Sicherheit.
Fremde Caniden tauchen nur selten auf.
Und wenn doch, dann hat das meist einen Grund.
Vielleicht gibt es Streit um Ressourcen.
Vielleicht möchte jemand Reviergrenzen austesten oder sogar übernehmen.
Vor allem aber begegnet man nicht jeden Tag unzähligen fremden Hunden, ihren Duftspuren und mehreren potentiellen Sexualpartnern.
Genau das erlebt heute aber der Familienhund.
Er lebt in einer Welt voller Reize, Konkurrenten und potentieller Sexualpartner.
Sein Instinkt sagt ihm ständig, dass diese Informationen wichtig sind.
Wer hat hier markiert?
Welcher Rüde ist hier unterwegs?
Wo befindet sich eine läufige Hündin?
Wer bewegt sich in meinem Revier?
Und genau diesen Fragen möchte er nachgehen.
Nicht zu können, wie der Instinkt es eigentlich vorsieht, erzeugt Frust.
Und Frust erzeugt Stress.
Was bedeutet der Sexualinstinkt für die Leinenführigkeit?
Der Sexualinstinkt macht sich häufig genau dort bemerkbar.
Der Hund hängt mit der Nase am Boden.
Kontrolliert Gerüche.
Überprüft Markierungen.
Sucht nach Informationen über andere Hunde.
Und beschäftigt sich mit allem Möglichen – nur nicht mit dir.
Manche Hunde ziehen zur nächsten Duftspur.
Andere bauen Aggression gegenüber Konkurrenten auf.
Wieder andere wollen unbedingt zu einer Hündin gelangen.
Hinter dem Ziehen an der Leine steckt schlicht und einfach ein Hund, der seinem Instinkt folgt.
Hinter dem, was von uns oft als schlechtes Benehmen bezeichnet wird, steckt häufig ein ganz normales Bedürfnis.
Was bedeutet das für dich?
Auch wenn der Hund ein ganz normales Bedürfnis auslebt bedeutet das nicht, dass du alles hinnehmen musst.
Sexualität wird auch durch den Status in der sozialen Gemeinschaft beeinflusst.
Wird dem Hund ein hoher Status in seinem Umfeld eingeräumt, dann wird er auch ein ausgeprägteres Sexualverhalten zeigen.
Oder anders gesagt: erlaubst du deinem Hund alles und ist er dein kleiner oder auch großer Prinz, dann wird sich das auch in seinem Sexualverhalten niederschlagen.
Aber es gibt auch Hunde die ohne dein das Zutun des Umfelds einen eher für das Zusammenleben hinderlichen Sexualinstinkt haben.
Das heißt für mich nicht, dass jeder Hund kastriert werden muss, aber wenn dein Hund dauerhaft unter seinem Sexualinstinkt leidet, ständig unter Stress steht, nicht zur Ruhe kommt oder immer wieder in Konflikte gerät, kann eine Kastration durchaus eine Überlegung wert sein.
Nicht weil man damit jedes Problem löst.
Und auch nicht, weil eine Kastration nur Vorteile hat.
Sondern weil das Leben als unkastrierter Hund auch sehr belastende Nachteile haben kann.
Genau das sollte man gegeneinander abwägen.
Der Sozialinstinkt

Nun möchte ich den Sozialinstinkt näher beleuchten.
Wenn der Sexualinstinkt eher der Instinkt ist, der deinen Hund von dir weg bewegt, so ist der Sozialinstinkt der Instinkt, der ihn zu dir hin bewegt – wenn du es gut anstellst.
Vielleicht kennst du folgende Augenblicke:
Dein Hund erschrickt.
Etwas ist ihm unheimlich.
Oder er weiß nicht so recht, wie er sich verhalten soll.
Und plötzlich sucht er Orientierung.
Im Idealfall bei dir.
Manche Hunde verstecken sich hinter ihrem Menschen.
Andere bleiben ruhig und beobachten.
Wieder andere werden hektisch, oder versuchen sogar zu flüchten.
Und manche gehen nach vorne und übernehmen die Situation selbst.
Und hier solltest du dir die Frage stellen:
Orientiert sich dein Hund an dir?
Genau hier kommt der Sozialinstinkt ins Spiel.
Hunde, wie auch wir Menschen, leben in sozialen Gruppen, geleitet von den Elterntieren. Die Erwachsenen dienen als wichtige Orientierungsgröße. Von Ihnen lernt man während gemeinsamer Beschäftigung überlebenswichtige Dinge. Sie geben dadurch Halt und Sicherheit. Als Hundebesitzer sollten wir die Elternrolle für unsere Schützlinge übernehmen.
Was passiert an der Leine, wenn Orientierung fehlt?
- Der Hund ist verunsichert und ängstlich an der Leine, weil Anleitung und Orientierung am Menschen fehlen.
- Der Hund zieht stark in die Leine, weil er damit beschäftigt ist, sich selbst zu beschäftigen.
- Leinenaggression entsteht, weil Führung fehlt und der Hund bei Problemen mit Artgenossen eigene Lösungen sucht.
- Der Hund ist abgelenkt und nicht am Menschen orientiert, weil die Leine nicht mit positiven gemeinsamen Tätigkeiten verbunden wird.
Was bedeutet das für dich?
Der Sozialinstinkt entscheidet maßgeblich darüber, ob dein Hund sich in schwierigen Situationen an dir orientiert oder versucht, seine Probleme selbst zu lösen.
Je mehr Sicherheit, Verlässlichkeit und Orientierung du deinem Hund im Alltag gibst, desto eher wird er dich auch dann als Ansprechpartner wahrnehmen, wenn es darauf ankommt.
Ein Hund folgt nicht deshalb, weil er muss oder deine Leckerchen besonders toll sind.
Er folgt Menschen, bei denen er sich gut aufgehoben fühlt.
Deshalb ist Leinenführigkeit oft mehr als nur eine technische Übung.
Sie ist auch Ausdruck eurer Beziehung.
Jeder gemeinsame Spaziergang bietet die Möglichkeit, genau diese Beziehung zu stärken.
Daher bin ich ein großer Freund der Futterbeutelarbeit.
Sie macht aus einem Spaziergang eine gemeinsame Aufgabe.
Der Hund orientiert sich an seinem Menschen, arbeitet mit ihm zusammen und erlebt ihn als verlässlichen Sozialpartner.
Futterbeutelarbeit ist Beziehungsarbeit, und bitte nicht zu verwechseln mit Leckerchentraining.
Der Jagdinstinkt

Als ich neulich mit einer Kundin sprach – und dieser Satz begegnet mir immer wieder –, sagte sie zu mir: Ich würde meinen Hund so gerne von der Leine lassen. Er soll doch auch mal laufen und einfach Hund sein dürfen. Aber sobald er dann etwas in die Nase bekommt oder gar einen Hasen sieht, ist er weg und ich kann rufen, wie ich will. Wenn ich ihn dann an der Leine habe, zieht er wie von Sinnen. Das macht doch keinen Spaß. Dabei schaute sie bedröppelt auf ihren Hund, der sehr konzentriert ein Loch in meinen Hundeplatz buddelte.
Sie klang ziemlich frustriert, aber genau wie den Sozialinstinkt kannst du auch den Jagdinstinkt sehr gut für dich nutzen.
Ich erklärte ihr warum und wie:
Der Jagdinstinkt dient dem Nahrungserwerb und sichert das Überleben. Mensch und Hund arbeiten in dieser einzigartigen Symbiose seit tausenden von Jahren zusammen. Jeder Hund hat dieses Bedürfnis in unterschiedlicher Ausprägung und Form. Jagdtrieb lässt sich nicht abgewöhnen oder auslöschen. Du kannst aber den Jagdinstinkt deines Hundes in die richtigen Bahnen lenken und damit kontrollieren. Sobald du mit deinem Hund rausgehst, werden bei deinem Hund durch gewisse Trigger, z.B. Spazierengehen im Wald, bestimmte jagdliche Sequenzen und damit Verhaltensweisen abgerufen.
Jagdsequenzen und ihre Verhaltensweisen
- aufspüren
- anschleichen
- hetzen
- packen
- töten
- zerlegen
- tragen
- fressen
Wie wirkt sich der Jagdinstinkt auf die Leinenführigkeit aus?
- nicht ansprechbar
- Nase nur am Boden
- kreuzt ständig an straffer Leine vor einem den Weg und läuft einem in die Füße
- unruhig, nervös und unkonzentriert
- rücksichtsloses, impulsives Ziehen und Springen bei Geräuschen aus dem Wald, Wildsichtung oder Witterung
- Freilauf in der Natur ist nicht möglich, ohne dass dein Hund stiften geht
- Schleppleine nur unter Spannung und chaotisches Handling
Ganz schön nervig und für beide Seiten, Hund und Halter, sehr unbefriedigend. Aber wie kannst du jetzt den Jagdinstinkt zu deinem besten Freund machen?
Einfach nur Spazierengehen ist frustrierend für deinen Hund. Dort ist man eingegrenzt und macht sein eigenes Ding. Der Mensch hängt nur als unnötiger Ballast und als Spielverderber hinten an der Leine. Das Ziehen in die Leine entsteht, weil dein Hund sich selbst jagdliche Beschäftigung sucht. Und der Freilauf macht alles nur noch schlimmer. Denn da kann er dann ganz enthemmt dem Auftrag, den ihm sein Instinkt gibt, nachgehen.
Und das habe ich dann besagter Kundin vorgeschlagen: Wenn du dieses störende Ziehen an der Leine abstellen möchtest, solltest du deinen Hund genau dort abholen, wo er steht. Er möchte jagen. Am besten mit dir gemeinsam. In vielen Hundeschulen wird ein Anti-Jagd-Training angeboten. Ich finde diesen Ausdruck sehr unglücklich gewählt und die meisten Trainingsansätze unpassend. Man sollte nie gegen einen Instinkt arbeiten, sondern mit dem Instinkt.
Statt deinen Hund ständig davon abzuhalten, seinen Instinkt auszuleben, solltest du ihm die Möglichkeit bieten, diesen kontrolliert und mit dir auszuleben. Zum Beispiel wird durch eine gemeinsame Ersatzjagd mit dem Futterbeutel eine artgerechte Alternative zur echten Jagd geboten. Dabei sollte man dem Hund Aufgaben stellen, die seiner genetischen und epigenetischen Veranlagung entsprechen. Sich etwas erarbeiten tut gut und stärkt das Selbstvertrauen. Eine sinnvolle, seinen Talenten entsprechende Aufgabe zu haben stärkt die Zugehörigkeit zur Gruppe und macht zufrieden. Das ist beim Hund nicht anders als bei uns Menschen. Das Fressen der Beute steht ganz am Schluss der Arbeit. Nicht als Belohnung wie beim Leckerchentraining und nur gegen Leistung, sondern als Resultat einer gemeinsamen, erfüllenden Zusammenarbeit, die an sich schon selbstbelohnend ist.
Und was hat das Jagdverhaten jetzt mit der Leinenführigkeit zu tun?
Sehr viel.
Denn ein Hund, der gelernt hat, gemeinsam mit seinem Menschen zu jagen, orientiert sich draußen deutlich stärker an ihm.
Plötzlich wird der Mensch interessant.
Nicht mehr nur der Geruch der nächsten Wildspur.
Nicht mehr nur das Rascheln im Gebüsch.
Der Spaziergang wird zu einer gemeinsamen Aktivität statt zu zwei Einzelunternehmungen am selben Ende der Leine.
Und genau deshalb verschwindet das Ziehen an der Leine häufig nicht durch Korrekturen oder ständige Richtungswechsel, sondern durch echte, gemeinsame Unternehmungen.
Wie auch bei meiner Kundin, die mir nach nur wenigen Unterrichtseinheiten schon freudestrahlend erzählte, wie viel Spaß ihr die Ausflüge mit ihrem Hund inzwischen machen würden, weil er endlich mit Feuereifer bei ihr sei und das Leineziehen auch in schwierigen Momenten schon viel besser geworden sei.
Und genau dieser Feuereifer bei der gemeinsamen Jagd ist dann auch der erste Schritt zum Freilauf ohne Angst vor wilden Hetzjagden.
Wenn du noch besser verstehen möchtest, warum dein Hund in manchen Situationen so stark reagiert und welche Rolle dabei Veranlagung, Stress und innere Bedürfnisse spielen, dann lies auch meinen Artikel über den reaktiven Hund.
Der Territorialinstinkt

Mein letzter Hund, Strubbel, war ein Tierschutzhund aus Rumänien. Er kam mit knapp fünf Monaten, einem sehr strubbeligen Fell und einer gehörigen Portion Angst und Misstrauen nach Deutschland. Als ich ihn das erste Mal sah, hatte er sich bei den Tierschützern zitternd in eine Ecke verkrochen und wollte da auch nicht mehr herauskommen. Ich nahm die Herausforderung an, und am nächsten Tag zog Strubbel bei mir ein. Er hat mich zu einer Meisterin darin gemacht, wie man den territorialen Instinkt sehr gut für sich nutzen kann.
Gerade bei Hunden, die territorial sehr verunsichert und verängstigt sind, ist das Übernehmen von territorialer Verantwortung dein Schlüssel zu ihrem Vertrauen.
Aber was heißt das „territoriale Verantwortung übernehmen“?
Und noch wichtiger:
Warum zieht ein territorial unsicherer Hund deshalb an der Leine und schaut nicht nach dir?
Die Antwort ist einfacher als viele denken:
Territoriale Hunde haben häufig das Gefühl, für ihre eigene Sicherheit verantwortlich zu sein.
Und genau dort beginnt das Problem.
Caniden leben in Territorien. Es ist ein durch Markieren gesichertes und abgegrenztes Gebiet, in dem man jagt, schläft, sich fortpflanzt, spielt und viele andere Dinge macht, die man als Hundeartiger eben so macht. Ein eigenes Territorium sorgt für Sicherheit. Jeder Canide und auch jeder Haushund hat das Bedürfnis nach Abgrenzung und Sicherheit. Auch wir Menschen schützen unseren Besitz durch Gesetze, Zäune, Passwörter usw. Dringen Fremde unerlaubt in dieses Revier ein, bedeutet dies Gefahr, denn es dringen nur Individuen in fremde Territorien ein, die keine eigenen Sicherheiten haben und welche benötigen.
Woran erkennst du territoriales Verhalten?
- markieren
- schnüffeln
- hinlaufen zu, kontrollieren oder begrenzen von Menschen und Hunden
- Imponierverhalten wie Schwanzwedeln, T-Stellung, Rempeln, Galoppieren oder Lauern
- aggressives oder ängstliches Verhalten gegen Artgenossen und Menschen, wie verbellen, weglaufen oder attackieren
- aggressives Verhalten gegen und Verjagen von Artgenossen, Menschen, Fahrrädern, Autos oder Kindern
- bellen und zur Tür rennen oder sich verstecken, wenn es klingelt
Welches Verhalten zeigt sich an der Leine?
- ständiges Markieren
- Nase nur am Boden
- der Hund möchte an manchen Stellen nicht weitergehen
- der Hund möchte in manchen Situationen fliehen und zieht an der Leine weg von dir oder in Richtung Zuhause
- nervöses Verhalten
- aggressives und/oder ängstliches Verhalten gegen Artgenossen, Menschen oder sich bewegende Objekte
Strubbels territoriales Verhalten zeigte sich in vielen Facetten. Aber hier möchte ich nur auf die Leinenführigkeit eingehen. Wenn er etwas sah, das ihn verängstigte oder verunsicherte, war er anfangs sofort im Fluchtmodus und zog in alle Himmelsrichtungen und tänzelte wie ein Pony um mich herum, um der Situation zu entkommen. Oder er wollte schnell nach Hause oder zum Auto und wurde dabei an der Leine immer schneller und fing an zu ziehen. Bloß weg von der Bedrohung. Dadurch, dass ich Strubbel von Stunde null an zeigte, dass ich an der Leine Verantwortung übernehme, die Situationen kontrolliere, ihn an der Leine beschütze und er dort seinen Safe Space hat, hatte ich Strubbel nicht nur an der Leine ganz schnell an meiner Seite.
Was bedeutet territoriales Verhalten für dich und deine Leinenführigkeit?
Ein territorial verunsicherter Hund wird sich auch an der Leine oft unsicher verhalten.
Er zieht weg von Bedrohungen, versucht Situationen selbst zu kontrollieren oder möchte möglichst schnell nach Hause.
Leinenführigkeit beginnt deshalb nicht mit Korrekturen oder vielen Übungen, sondern mit Sicherheit.
Meide Situationen, die ihn regelmäßig überfordern und in denen er immer wieder schlechte Erfahrungen macht. Schütze ihn vor aufdringlichen Hunden und Menschen und zwinge ihm keine Sozialkontakte auf. Dein Hund hat nicht das Bedürfnis, ständig fremde Artgenossen zu treffen. Auch die klassische Hundewiese ist für viele Hunde eher Stress als Vergnügen.
Der zweite wichtige Punkt ist Verantwortung.
Viele Hunde übernehmen territoriale Aufgaben, weil niemand sonst sie übernimmt. Achte deshalb darauf, dass dein Hund sich nicht für alles verantwortlich fühlen muss. Viel Freilauf zu haben und zu Hause alles machen zu dürfen, ist für territorial veranlagte Hunde kein Geschenk. Wer draußen ständig selbst entscheiden muss und sich zu Hause für alles verantwortlich fühlt, findet oft keine Sicherheit. Je klarer du die Verantwortung für eure gemeinsame Umwelt übernimmst, desto weniger wird dein Hund das Bedürfnis haben, selbst alles kontrollieren zu müssen.
Und schließlich braucht dein Hund eine sinnvolle Aufgabe.
Gehe mit ihm nicht einfach nur spazieren. Gestalte eure Ausflüge gemeinsam. Gib ihm Aufgaben, die ihn fordern und fördern, aber nicht überfordern. So erlebt dein Hund dich als kompetenten Ansprechpartner und verlässlichen Sozialpartner.
Du wirst sehen: Mit wachsendem Vertrauen orientiert sich dein Hund immer stärker an dir. Und genau dann wird auch eine entspannte Leinenführigkeit möglich.
Genau dieses Prinzip hat sich auch bei Strubbel bewährt. Je mehr Sicherheit er durch mich bekam, desto weniger sah er sich gezwungen, die Welt selbst zu regeln und in den Fluchtmodus zu gehen.
Fazit: Leinenführigkeit beginnt nicht mit Training
Hinter dem Ziehen an der Leine steckt häufig instinktmotiviertes Verhalten. Ein ganz normales Bedürfnis, das den Hund antreibt.
Der eine Hund möchte jagen.
Der andere kontrolliert seine Umgebung.
Wieder ein anderer sucht Anleitung und Sicherheit.
Der nächste beschäftigt sich mit potentiellen Konkurrenten und Sexualpartnern.
Und die meisten möchten alles auf einmal.
Leinenführigkeit beginnt nicht beim Trainieren von Richtungswechseln.
Sie beginnt mit dem Verständnis dafür, was deinen Hund antreibt.
Erst wenn du die Bedürfnisse und Instinkte deines Hundes erkennst, kannst du sinnvoll auf sein Verhalten Einfluss nehmen.
Du musst seine Instinkte nicht bekämpfen.
Du musst lernen, mit ihnen zu arbeiten.
Genau dann wird aus einem ständigen Gegeneinander an der Leine Schritt für Schritt ein gemeinsames Miteinander.