Artikel zuletzt aktualisiert am 8. September 2026
Neulich war ich bei uns oben am Berg mit Strubbel auf Futterbeuteljagd, als plötzlich ein ziemlich großer Dobermann in einem Affenzahn, bellend auf uns zurannte.
Gott sei Dank konnte ich das Hündchen ohne große Probleme in die Richtung zurückschicken, aus der es kam.
Dennoch rutschte mir kurz das Herz in die Hose und meinem Strubbel auch.
Ca. 15 Minuten später traf dann besagter Dobermann zeitgleich mit mir, ziemlich außer Atem, am Auto seiner Besitzerin ein.
Sie hatte augenscheinlich dort auf ihn gewartet und fing ihn etwas ungelenk am Halsband wieder ein.
„Ach, das ist Ihrer“, sagte ich.
„Der ist eben hinten in der Wiese auf mich und meinen Hund mit einer ziemlich beängstigenden Geschwindigkeit zugelaufen und hat uns verbellt. Gut, dass er sich hat wegschicken lassen. Ist der Ihnen ausgebüxt?“, fragte ich sie.
„Nein, ich lass den immer so laufen. Der braucht das. Der tut ja keinem was. Er ist ein ganz Lieber und der muss ja auch mal rennen können. Er ist dabei sooo glücklich. Das möchte ich ihm nicht nehmen“, entgegnete sie, stieg mit ihm ins Auto und fuhr davon.
Stirnrunzelnd blieb ich zurück und schaute ihr lange nach …
Scheinbar ist da schon wieder einer in die Freilauffalle getappt!
Eigentlich gut gemeint.
Man möchte dem Hund Freiheit schenken. Ihm ermöglichen zu rennen, zu schnüffeln und die Welt zu erkunden. Einfach mal Hund zu sein, ohne diese ganzen Reglementierungen im Alltag wie zum Beispiel der Leine.
Aber was passiert wirklich, wenn man ihm diese vermeintliche Freiheit gibt? Tun wir unserem Hund mit Freilauf wirklich einen Gefallen?
Etwas Gutes?
Dabei muss es noch nicht mal so eine extreme Form sein wie in meiner Geschichte aus dem Alltag beschrieben, sondern es genügt, wenn du deinen Hund einfach regelmäßig seiner Wege gehen lässt, auch wenn er in Sichtweite ist.
Es genügt, wenn er allein durchs Gras stöbert, seinen Interessen nachgeht und seine eigenen Entscheidungen trifft.
Dein Hund ist im Alleingang unterwegs.
Und alle Erfahrungen, die er dabei macht, macht er ohne dich.
Die aus seiner Sicht großartigen: Kot finden, sich darin wälzen und davon naschen. Rehe hetzen – und nebenbei für quietschende Reifen sorgen. Hühner erlegen und ein kleines Massaker anrichten. Eine läufige Hündin decken und dabei gleich noch für Nachwuchs sorgen …
Und die weniger großartigen: Dem Jäger vor die Flinte oder einem Auto vor die Motorhaube laufen. Eine Klopperei mit einem Rüden anfangen und sich ein Ohr dabei einreißen. Anschließend vom Hofhund eins auf den Deckel bekommen und später einer Hundetrainerin begegnen, die sich erdreistet, mit ihrem Hund über „seine“ Wiese zu laufen.
Alles ohne dich und deine Möglichkeit, auf ihn einzuwirken.
Und sollte er wiederkommen, weißt du noch nicht mal, was er zwischenzeitlich alles erlebt hat.
Aus all diesen Erfahrungen lernt dein Hund.
Dass es einen Heidenspaß macht, einem Reh hinterherzuhetzen. Dass der fremde Mensch tatsächlich Angst bekommt, wenn man nur laut genug auf ihn zustürmt. Dass es sich lohnt, im Gebüsch nach etwas Fressbarem zu suchen. Oder dass man zu jedem Hund hinrennen kann, der irgendwo am Horizont auftaucht.
Schließlich will er doch „nur mal Hallo sagen“ oder „spielen“.
Wobei das mit dem Spielen so eine Sache ist. Denn längst nicht jede Hundebegegnung, die für uns Menschen nach Spiel aussieht, ist tatsächlich eins. Warum das so ist und woran du echtes Spiel erkennst, erkläre ich dir hier ausführlicher.
Aber zurück zum Freilauf.
Das Problem ist nicht, dass dein Hund selbstständig Erfahrungen macht oder eigene Entscheidungen trifft.
Das Problem ist, dass du nicht dabei bist.
Du kannst ihm nicht zeigen, dass es vielleicht eine bessere Idee gibt, als dem Reh hinterherzuhetzen. Du kannst ihm nicht helfen, eine Begegnung mit einem anderen Hund anders zu lösen, als bellend auf ihn zuzustürmen. Du kannst ihm keine bessere Möglichkeit zeigen.
Du bist nicht da.
Also macht er seine Erfahrungen.
Findet seine Lösungen.
Und lernt dabei vielleicht etwas, das du überhaupt nicht gebrauchen kannst.
Und „ohne dich“ bedeutet noch etwas anderes.
Da ist nämlich auch keiner, mit dem er die schönen Erlebnisse teilen kann. Keiner, der ihm hilft, wenn eine Situation schwierig wird. Keiner, der ihn führt, lenkt und leitet und ihm damit hilft und Halt gibt. Und keiner, der für seine Sicherheit sorgt.
Dein Hund ist auf sich allein gestellt.
Als soziales Wesen.
Wir Menschen nennen das verklärt Freiheit.
Aber ist es wirklich Freiheit? Und empfindet dein Hund das auch so?
Von was überhaupt frei sein? Ist sein Mensch so schlimm, dass man ihn von diesem befreien muss?
Ist Freilauf und Leine los wirklich sooo toll für ihn? Macht ihn das glücklich? Stärkt es eure Beziehung? Sein Vertrauen? Oder lernt er dabei vor allem eines:
Ich muss mich selbst kümmern.
Du gibst Verantwortung ab.
An deinen Hund.
Herzlichen Glückwunsch, denn wie nützlich ist das für eure Beziehung?
Wie nützlich ist es im Alltag, wenn dein Hund gelernt hat, dass er draußen selbst klarkommen und für Sicherheit sorgen muss – und du plötzlich doch gerne ein Wörtchen mitreden möchtest?
Wenn er am Horizont ein Reh entdeckt. Wenn ein fremder Hund auftaucht. Oder wenn du ihn einfach nur zurückrufen möchtest, weil Spaziergänger kommen.
Vielleicht bist du dann tatsächlich nur noch unnötiger Ballast. Spielverderber oder jemand, der einem in den wirklich wichtigen Momenten eh nicht hilft.
Und genau das kann sich übrigens auch auf eure Leinenführigkeit auswirken.
Wenn dein Hund im Freilauf ständig lernt, seinen eigenen Interessen nachzugehen und sich selbst zu beschäftigen, warum sollte er damit aufhören, nur weil du die Leine einhakst?
Will er irgendwohin, zieht er eben.
„Aber ohne Leine orientiert er sich doch viel besser an mir.“
Das höre ich tatsächlich häufig. Und das kann sogar stimmen.
Nur vielleicht aus einem ganz anderen Grund, als du denkst.
Denn durch die straffe Leine spürt dein Hund ständig, wo du bist. Er muss gar nicht nach dir schauen, um auf dich aufpassen zu können. Das nimmt ihm die Leine ab.
Er kann sich also wunderbar mit allem anderen beschäftigen, während du hinten dranhängst und ihm brav folgst.
Machst du die Leine ab, ist diese Verbindung plötzlich weg.
Jetzt muss er tatsächlich mal schauen, wo du geblieben bist und was du jetzt wieder alles anstellst.
Vielleicht orientiert sich dein Hund im Freilauf also gar nicht besser an dir. Vielleicht nimmt ihm die straffe Leine nur die Notwendigkeit, nach dir zu schauen.
Vielleicht ist Freiheit also gar nicht, seinen Hund möglichst viel frei laufen zu lassen.
Vielleicht entsteht wirkliche Freiheit erst dadurch, dass dein Hund gelernt hat, dass er sich auf dich verlassen kann, dass es schön und sinnvoll ist mit dir gemeinsam etwas zu machen.
Und vielleicht findet er es ja ganz prima, dass er gar nicht auf dich aufpassen muss, sondern du auf ihn aufpasst.
Lässt man seinen Hund im Freilauf vielleicht sogar im Stich?
Ist es nicht viel besser, gemeinsam mit seinem Hund Abenteuer zu erleben? Gemeinsam nach einer (Ersatz-)Beute zu jagen. Talente kontrolliert und sicher ausleben zu können.
Stärkt nicht das Vertrauen? Fühlt der Hund sich nicht eigentlich so viel besser?
Sicher an der Leine, mit seinem Menschen. Ohne Belästigung von bellenden, freilaufenden, unkontrollierten Dobermännern. Und wenn dann mal einer kommt, passt Frauchen auf und schlägt ihn in die Flucht.
Es geht nicht darum, den Hund niemals von der Leine zu lassen, sondern es geht darum, Freilauf verantwortungsvoll zu gestalten und aufzubauen.
Dies kann nur mit Leine geschehen, weil wir nun mal langsamer sind als Hunde und sie uns die Kontrolle vereinfacht und ermöglicht. So sorgt man für Sicherheit und stellt eine vertrauensvolle Beziehung her. Denn die macht eine Erziehung, die für einen kontrollierten Freilauf nötig ist, erst möglich.
Schon dein Welpe sollte lernen, sich am Menschen zu orientieren und von ihm kontrolliert zu werden. Nämlich an der Leine.
Die hat aber nichts mit Qual oder Langeweile zu tun.
Die Leine wird während gemeinsamer Beschäftigung komplett anders verknüpft, als wenn man sie nur benutzt, wenn man seinen Hund kontrollieren muss, Gefahr droht oder ihn gar mit dem Gehen an der Leine bestrafen möchte.
Ich habe da so Sätze im Kopf wie „Wenn du nicht hörst, dann kommst du eben an die Leine.“
Wenn du sie während gemeinsamer Beschäftigung an deinem Hund hast, wird sie zum Orientierungssignal, ein Zeichen für Gemeinschaft und ein Zeichen für Sicherheit.
So viele lassen den Welpen und den Junghund ständig freilaufen und freuen sich, ihm diese vermeintliche Freiheit zu gönnen.
Nicht mit schlechter Absicht. Oft aber aus Unwissen und Bequemlichkeit.
Er zieht ja auch so doof in die Leine, das ist lästig, und er soll sich ja auch mal austoben.
Dabei lassen sie ihn oft ins offene Messer laufen, ohne es zu merken.
Bis dann in der Pubertät die ersten Probleme auftauchen, vom Halter erkannt oder auch nicht. Er spielt doch so schön mit den anderen, wird aber zur Plage für alle.
Wie er sich selbst damit fühlt, kann man nur erahnen. Ich bin aber überzeugt davon: nicht gut.
Freilauf bedeutet nicht Freiheit, sondern Verantwortung.
In erster Linie natürlich für dich und, wenn dein Hund nicht gelernt hat, sich an dir zu orientieren, für deinen Hund.
Diese Verantwortung kann er aber in unserer Menschenwelt nicht übernehmen.
Also, was spricht dagegen, dass er an der Leine gemeinsam mit seinem Menschen spannende Sachen macht und seinen Interessen gemeinsam mit seinem Menschen nachgeht?
Unter kontrollierten Bedingungen?
Nur so kann er lernen, sich auch im Freilauf an ihm zu orientieren. Er lernt, dass der Mensch Verantwortung für ihn übernimmt und man gemeinsam Spaß hat.
In einem sicheren Umfeld und ohne Gefahr für sich und andere. Einem Umfeld, in dem man sich frei bewegen kann. Ohne Übergriffe auf andere oder von anderen.
Und irgendwann kann die Leine dann tatsächlich ab.
Weil dein Hund gelernt hat, sich auch ohne sie an dir zu orientieren.
Das ist Freiheit!
Und nicht ein Dobermann, der irgendwo alleine über eine Wiese rennt, während Frauchen am Auto wartet.
Denn vielleicht war der gar nicht so frei und glücklich, wie sie dachte.
Sondern einfach nur allein.